
Eingehüllt in eine Decke sitzt eine 84-jährige Frau im Tempel von Jerusalem und wartet. Unzählige Menschen gehen an ihr vorüber. Die meisten beachten sie gar nicht, andere werfen ihr einen mitleidigen Blick zu und spenden einen Batzen. Aber die Frau ist keine Bettlerin - sie ist reich. Sie ist reich an Hoffnung, dass sie zu ihren Lebzeiten noch den versprochenen Messias sehen darf!
Als mitten im Trubel ein junges Paar mit einem Kindlein auftaucht, um das vorgesehene Opfer für ihren erstgeborenen Sohn darzubringen, kommt Bewegung in die alte Frau: Sie lässt ihre graue Decke liegen, steht auf und geht auf die kleine Menschengruppe zu. Gar nicht schwerfällig, sondern mit leichten Schritten eilt sie über die kalten Steinplatten. Ja, sie tänzelt sogar, springt vor lauter Freude, dass sie am Ziel ihres Lebens angekommen ist! Da ist es, das Jesuskind, der lange erwartete Retter!
Im Gottesdienst für Leute von 0 bis 99 am ersten Advent wurde die Geschichte von der "tanzenden Hanna" - das Original ist in Lukas 2,36-38 nachzulesen - erzählt und von drei jungen Tänzerinnen szenisch dargestellt. Einige projizierte Bilder gaben der besonderen Begegnung in Jerusalem zusätzliche Farbe. Die Gottesdienstbesucher fühlten sich beim Anblick der Säulen und des siebenarmigen Leuchters in jenen Tempel versetzt, und im Tanz lebten sie auf: Mirjam, die alttestamentliche Prophetin, die bei Israels Auszug aus Ägypten das Tamburin schlägt; Hanna, die neutestamentliche Prophetin in der feierlichen Atmosphäre des Tempels; Debora, ihre junge Freundin, die wegen ihrer verborgenen Liebe zum römischen Soldaten Antonius bekümmert ist. Was sie zum Ausdruck bringen, ist dies: Mit Jesus ist uns Menschen - Israel und den übrigen Völkern - das Licht aufgegangen. Es leuchtet unsere Finsternis aus. Es weckt in uns die Freude über Gott, der uns sucht und sich finden lässt!
Erfüllt von Bildern, Rhythmen, Melodien und Worten verlassen Junge und Ältere die Kirche und dürfen sich am Ausgang über ein kleines Geschenk freuen. Aber es dünkt einen, das Lächeln habe schon vorher das Gesicht der Leute verändert. Im Kirchgemeindehaus warten ein festlicher Apéro und eine weitere Tanzdarbietung auf sie. Eingestimmt auf die Adventszeit gehen sie später nach Hause - hoffentlich mit grosser, unzerstörbarer Freude im Herzen!
Pfr. Hannes Müri